Ich erlaube mir, Ihnen anbei eine kleine Abhandlung zu übersenden, in welcher ich einige Fragen der romanischen Sprachwissenschaft behandelt habe, die mir seit langem am Herzen liegen. Es würde mich außerordentlich freuen, wenn dieselbe Ihr Interesse erregen sollte und ich Ihre geschätzte Meinung darüber erfahren dürfte.
Besonders beschäftigt mich gegenwärtig die Frage der Sprachmischung und des Einflusses, welchen die verschiedenen Sprachen aufeinander ausüben. Ich bin überzeugt, dass dieses Gebiet für die allgemeine Sprachwissenschaft von größter Bedeutung ist, wenngleich es bisher von den meisten Forschern eher stiefmütterlich behandelt worden ist.1
In meiner Studie habe ich mich besonders auf die Kreolsprachen konzentriert, jene faszinierenden Kontaktsprachen, die aus dem Zusammentreffen europäischer Kolonialsprachen mit den Sprachen der einheimischen Bevölkerung entstanden sind. Die Untersuchung dieser Sprachen, insbesondere des créole français auf Mauritius und Réunion, liefert meines Erachtens wertvolle Einblicke in die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten des Sprachwandels.
Gaston Paris hat mir kürzlich geschrieben und seine Zustimmung zu meinen grundlegenden Thesen ausgedrückt. Auch er ist der Ansicht, dass die traditionelle Stammbaumtheorie, wie sie August Schleicher formuliert hat, der Ergänzung durch das Modell der Wellentheorie bedarf.2 In seinem jüngsten Beitrag in der Romania deutet Paris in eine ähnliche Richtung.
Was nun den Grundriss anbelangt, so hätte ich einige Anregungen beizusteuern, die ich mir bei Gelegenheit in einem ausführlicheren Schreiben darzulegen erlaube. Einstweilen möchte ich nur darauf hinweisen, dass die Kapitel über die rätoromanischen und sardischen Mundarten einer gründlichen Überarbeitung bedürfen, da hier die neuere Forschung erhebliche Fortschritte gemacht hat.
Dürfte ich Sie bitten, mir bei Gelegenheit auch die Korrespondenzadresse von Friedrich Diez' Nachlass mitzuteilen? Ich beabsichtige, einige seiner unveröffentlichten Aufzeichnungen zur lingua franca des Mittelmeerraums einzusehen, die für meine Forschungen von Bedeutung sein könnten.